Daniel Oehler

Daniel Oehler (29) freut sich am 07.Juli nicht nur auf den Jahrestag des Atomwaffenverbotsvertrages sondern auch auf seinen 30. Geburtstag. Gemeinsam mit seinem Bruder protestiert er in Büchel für die Zukunft der nächsten Generation.

Interview mit Daniel Oehler, Assistenzarzt in der Inneren Medizin am AK Wandsbek in Hamburg, aufgewachsen im schönen Wasserburg am Inn in Bayern.

Warum engagierst du dich für nukleare Abrüstung?

Ganz einfach, weil Atomwaffen eine unverschämte Beleidigung allem Menschlichen gegenüber sind. Eine Atomwaffe ermöglicht es einem einzelnen Menschen, mit einem Wort oder einem Knopfdruck eine ganze Stadt mitsamt ihrer jahrhundertelangen Geschichte zu vernichten. Sie tötet und verstümmelt nicht nur die Bewohner*innen einer Stadt, sondern auch deren Archive, Museen und Baudenkmäler. Kein Mensch soll über eine solche Zerstörungskraft verfügen. Mit den 20 in Deutschland stationierten Atombomben ließen sich 20 Großstädte zerstören und die Geschichte eines ganzen Landes auslöschen. Ich bin als deutscher Bürger dafür mitverantwortlich, dass die Bundesregierung den Atomwaffenverbotsvertrag boykottiert und atomar aufrüstet. Und anders als andere große politische Probleme wie die Hungerkatastrophe, Folter oder Bürgerkriege passiert das Unrecht der Atomwaffen in dem Land, in dem ich lebe und auf dessen Politik ich Einfluss nehmen kann. Also muss ich ja fast.

Warum bist du bei ICAN/IPPNW aktiv?

Als ich das erste Mal von der IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhütung eines Atomkrieges) gehört habe, fand ich es unsinnig und auch ein wenig elitär, einen Ärzt*nnenverein zu haben, der sich für die Abschaffung von Atomwaffen einsetzt. Als ob sich nicht Menschen aller Berufsgruppen eine atomwaffenfreie Welt wünschen. Mittlerweile finde ich es aber schon sinnvoll, die ärztliche Perspektive in die Debatte um Atomwaffen einzubringen. Es ist immens wichtig, in der Debatte um nukleare Abrüstung nicht nur über Außenpolitik, militärische Logik, Technik und Kilotonnen TNT zu sprechen, sondern klar zu machen, welche Auswirkung eine Atomexplosion auf menschliche Körper hat – Verbrennungen, Erbgutschäden, Strahlenkrankheit, dauerhafte Behinderungen. Erst das Wissen um das menschliche Leid, das Atomwaffen verursachen, de-legitimiert den Besitz und die Herstellung von Atomwaffen und ist die Motivation für alle, die sich für friedliche Konfliktlösung und nukleare Abrüstung einsetzen.

Was bedeutet Büchel für dich?

Ich bin überzeugt, dass politische Gruppen Symbole brauchen, Traditionen und vor allem menschliche Begegnungen. Wir Mitglieder von ICAN Deutschland wohnen in der ganzen Bundesrepublik verteilt und das jährliche Zusammenkommen in Büchel ist der einzige Zeitpunkt im Jahr, an dem wir alle zusammen sind und uns live anstatt über Email oder Telefon sehen. Der Geburtstag des Atomwaffenverbotsvertrages am 7. Juli in Büchel ist für uns also so etwas wie der 1. Mai für Gewerksschaftler*innen. Außerdem ist der 7. Juli mein Geburtstag und den kann ich dann mitfeiern.

Ich finde es auch wichtig, nach Büchel zu kommen weil unser politischer Kampf für ein atomwaffenfreies Deutschland meist sehr abstrakt ist – Gespräche, Vorträge, Texte, Arbeitsgruppen etc. Hier in Büchel dagegen sieht man die Flugzeuge, die Radartürme und Hangars und hat etwas Greifbares, gegen das man kämpft.  Der Luftwaffenstützpunkt Büchel ist die Asphalt und Stahl gewordene Drohung: „Wir als deutsche Regierung sind bereit, im Falle eines militärischen Konfliktes oder eines Fehlers unserer Radar- und Computersysteme 20 Großstädte niederzubrennen.“ Mich haben schon mehrmals Anwohner aus der Gegend gefragt, warum wir bei ihnen in Büchel demonstrieren und nicht in Berlin, wo über Militär- und Außenpolitik entschieden wird Ich sage dann, dass wir natürlich auch in Berlin unsere Arbeit machen, aber dass wir auch an den Ort kommen wollen, an dem das Unrecht geschieht, gegen das wir uns wehren. Und dass wir dafür sorgen wollen, dass die Verantwortlichen in Büchel sich mindestens einmal im Jahr damit auseinandersetzen müssen, dass ihre Arbeit – die Drohung mit Atomwaffen – völkerrechtswidrig ist, ethisch zutiefst problematisch und sie von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung abgelehnt wird.

Wie sieht dein Engagement für nukleare Abrüstung vor und nach Büchel aus? Wie bist du aktiv?

Aktuell mache ich relativ wenig für ICAN, da ich vor vier Monaten meine erste Stelle als Arzt angetreten habe und den Großteil meiner Zeit im Krankenhaus verbringe. Ich habe in den letzten Wochen unser Treffen in Büchel mitgeplant und organisiert und im letzten Jahr mehrere Vorträge über ICAN und die humanitären Folgen von Atomwaffen gehalten. Wenn mir die Arbeit ausgeht, werde ich hoffentlich wieder mal in Schulen gehen, um dort über Atomwaffen aufzuklären. Ansonsten sind wir gerade dabei eine ICAN-Gruppe in Hamburg aufzubauen. Wir wollen den Hamburger Senat daran erinnern, dass er sich für einen Beitritt Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag einsetzt – das hat die Hamburger Bürgerschaft im Februar 2020  beschlossen.